Logo  Münchener Mineralienfreunde e.V.
   Verein zur Förderung der Geowissenschaften, MM e.V.
   Schriftführung Ingrid Bode
   Ideeller Träger der Frühjahrsmesse und der Mineralientage München

Zurück
zum Archiv
Die Meteoritenjagd von Andechs oder sind wir nicht alle Wissenschaftler?
Wir Münchner Mineralienfreunde haben alle ein gemeinsames Problem. Die Welt der Steine, Mineralien und Fossilien lässt uns nicht ruhen, doch wenn wir an einem Föhntag Richtung Süden sehen, erahnen wir zwar in der Ferne hinter Faltenmolasse, Flysch und Hauptdolomit, funkelnde Bergkristalle und den Mondscheinschimmer der Adulare. Doch schon von den ersten kleinen Calcitkristallen trennt uns wenigstens eine Stunde Autofahrt. Bis dahin nur Kies und Schotter der letzten Eiszeit und ein bisschen obere Süßwassermolasse, will heißen fetter Lehm aus dem Tertiär.

Mit einer Ausnahme, so dachte ich immer schon:
So einem Meteoriten müsste es eigentlich egal sein, wohin er sich bei seinem Kollisionskurs mit der Erde verirrt. Gerade die Münchner Schotterebene und ihre südlich angrenzenden Moränenzüge müssten doch eigentlich der ideale Landeplatz für so einen außerirdischen Kieselstein sein.

Diese Sehnsucht im Hinterkopf wurde am 7.5.95 aktiviert.
Der Herrschinger Polizeichef G. E. hatte bei einem Hubschrauberkontrollflug auf Andechser Wiesen oberhalb von Herrsching, also praktisch an meinem Wohnort, einen großen frischen Meteoritenkrater entdeckt. Nähere Ortsangaben fehlten leider. Innerhalb von einer halben Minute war ich mit der notwendigen Minimalausrüstung zur Bergung kleiner bis mittelgroßer Meteoriten im Auto und kurze Zeit später auf der Hochebene oberhalb von Herrsching auf der Suche nach dem Einschlagsloch.
Kundige Meteorienjäger am KraterAus der Intuition heraus, die einen guten Meteoritenjäger ausmacht, steuerte ich die bei Spaziergängern der Region und Münchens beliebte Region um den Eglsee an. Hier standen auch schon einige Autos. Nach einigen hundert Metern - tatsächlich! Auf frischem Frühjahrsnassschnee fanden sich einige, dann immer mehr Graswasen und Schlammbrocken, die ein konzentrisches Bild ergaben.

Ich war nicht der Einzige, auch andere hatte die Nachricht angelockt. Schnell war das Zentrum des Schlammmusters erreicht. In unmittelbarer Nähe des Eglsees, das ist ein kleines Feuchtbiotop zum Schutz gleichnamiger Tierchen zwischen Andechs und Frieding, entdeckte ich mit meinen Mitforschern ein Loch mit einem Durchmesser von ca. 10 bis 15 m und einer Tiefe von 4 m umgeben von einem Ringwall von Lehm.
Im Krater schimmerte - leider kein Eisenmeteorit - nur gelbliches lehmiges Wasser. Die Böschung fiel steil zum Wasser hin ab, weitere Vorstoßaktivitäten hätten außer einer Lehmsuhle wohl nicht viel gebracht.

Blick in den KraterZwischenzeitlich entwickelte sich unter den anwesenden Forschern eine lebhafte Diskussion. Die kleine Schar hatte sich schnell um einen Mann gesammelt, der sich als Geophysiker und Astronom bezeichnete und gekonnt anhand der umherliegenden Lehm- und Grasfetzen den Einschlagswinkel und die ungefähre Dimension unseres himmlischen Kieselsteines ermittelte.
Er forderte alle Umstehenden auf, nach Resten des Meteors im Auswurfmaterial zu suchen und ihm zur wissenschaftlichen Dokumentation dann auszuhändigen.

HA, HA, HA, so wissenschaftlich bin ich auch noch, dachte ich und machte mich ebenfalls auf die Suche. Die Ausbeute war dürftig. Gras und Schlamm in so ziemlich allen gewünschten Formaten, aber keine Spur eines Nickeleisenmeteoriten, nein auch keines Chondriten, geschweige denn von all den wunderschönen himmlischen Materialien, die in Chile, Argentinien, Südwestafrika, Sibirien oder sonstwo zu finden sind, wo es ohnehin schon genug Mineralien gibt.
Nun, es war wohl doch nichts mit dem ersehnten heimischen Meteor für die eigene Sammlung, aber soviel war uns allen klar. Es konnte sich eigentlich wirklich nur um einen Meteoriten handeln, denn, was sollte es sonst sein?

Eine Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg? Nein. wir hätten sicher Reste entdeckt und außerdem, was sollte es zwischen Andechs und Frieding zu bombardieren gegeben haben? Eine Sprengung? Wer käme auf solch eine Idee?

Mit gründlich ruinierten Schuhen verließ ich schließlich das neue Andechser Geotop und begrub erstmal die Hoffnung, einen lokalen Meteoriten in meine Sammlung aufnehmen zu können. Der Koloss musste sicherlich irgendwie drei, vier Meter im Lehm stecken und würde dann von berufenerer Stelle geborgen werden.

Ein noch eifrigerer Meteoritensucher fand aber später ein Stück Zündschnur und auf einmal war alles anders, als es schien. Der mittlerweile überörtlich bekannte Sprengmeister Edi R. hatte eine Sprengung zum "Erstellen eines Biotops mit Auswurfsprengung" beim Gewerbeaufsichtsamt München-Land angezeigt, die war aber in der Sammelpost liegengeblieben und nicht an die Polizei und das Landratsamt Starnberg weitergeleitet worden.

Edi R., der sich nach den Radio- und Fernsehnachrichten über seinen Meteoriten vor Lachen kaum halten konnte, verging dasselbe in den nächsten Tagen erst einmal. Ein Loch, das ist nicht nur ein Loch, sondern - ab einer bestimmten Größe - auch eine bauliche Anlage, die genehmigt werden muss. Ein Loch in einem Biotop bedarf auch noch der Erlaubnis der Unteren Naturschutzbehörde.
Die hatte wenig Verständnis für das "Loch-Nass", wie Zeitungen unseren Meteoritenkrater schließlich getauft hatten. Schließlich befand sich an der Stelle schon ein Biotop, vielmehr konnte nicht ausgeschlossen werden, dass der Eglsee auslaufen könnte und die gleichnamigen Tierchen auf dem Trocknen sitzen müssten. Landwirt S. schließlich, dem die Fläche gehörte, hatte von alledem - wie er beteuerte - nichts gewusst.

Nun überschlugen sich die Gerüchte im Lande zwischen Ammersee und Starnberger See. Was steckte wirklich dahinter?
Das erste Loch für den von den Andechser Mönchen so heiß ersehnten Golfplatz? Die Vertreibung der Mücken aus ihrem Paradies? Der gut gemeinte Versuch, etwas für die Umwelt zu sprengen?

Der Amtsrichter in Starnberg hatte für all das jedenfalls kein Verständnis. Er verurteilte unseren Edi R. zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung und 5 000 DM Geldbuße wegen des vorsätzlichen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion. Das hätte womöglich das Ende seiner Sprengkarriere bedeutet, denn von einem Sprengmeister wird eine besondere Gesetzestreue abverlangt. Doch auch weitere Opfer waren zu beklagen. Da war zum Beispiel der Herrschinger Polizeichef, der seitdem von seinen Kollegen nur noch Meteoriten-Max genannt wurde und nicht zuletzt auch meine Schuhe, die - Gummi- oder Bergstiefel hatte ich angesichts der Dringlichkeit nicht mehr anziehen können - ihren Weg zum Abfallcontainer fanden.

Doch die Zeit heilt so manche Wunde. Das Landgericht München sah alles anders und sprach E. R. frei, so dass er weiter seiner hochbrisanten Tätigkeit nachgehen konnte. Auch unser Biotop hat - im Nachhinein genommen - keinen größeren Schaden genommen. Auch hier ist das - sprichwörtliche - Gras mittlerweile über die Sache gewachsen.

Und doch: Irgendwann einmal wird er kommen der - richtige Andechser Meteorit - und sicher wird einer von den Münchner Minerialienfreunden ihn - mit dem nötigen wissenschaftlichen Ernst - dann zu seiner Sammlung nehmen.

Heiner Schuster


Last update 01.11.2001

Münchener Mineralienfreunde e.V., Münchener Straße 23, 85540 Haar