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Vergessen - Bergbau um den Fernpaß

Vergessen - das werden auch Sie denken, wenn Sie am Hammacher - Stollen über dem Ehrwalder Becken sitzen und den Blick genießen, den wir als Titelbild der mm-online Nr. 8 gewählt haben. Aber wovon rede ich überhaupt? Wenn Sie öfter von München über Garmisch zum Fernpaß fahren, dann erinnern Sie sich an das Panorama, das unser Bild zeigt. Es wurde auf der Strecke nach Lermoos kurz hinter der Eisenbahnunterführung bei der Abzweigung nach Ehrwald gemacht.
Schauen Sie genauer hin!
Die Ruinen der Bergstation der ehemaligen Materialseilbahn zum Friedrich - Hammacher - Stollen unter dem Wampeten Schrofen sind leicht mit dem Fernglas zu erkennnen (H). Weiter sehen Sie die Halden vor dem Crescentia - Stollen (C), dem Aloisia - Stollen (A) und dem Michaeli - Stollen (M), alles gehört zum ehemaligen Revier Silberleiten, dem bedeutensten Bergbau im Außerfern.
Für den Liebhaber attraktiver Stufen bietet dieses Revier nichts, mir ist kein Stück bekannt, das etwas für den "Kasten" wäre. Trotzdem - schauen Sie sich dort mal um!

Geschichte:
1511

Einer Gewerkschaft (= genossenschaftliche Vereinigung von Bergbautreibenden, sog. Gewerken) wird der Bergbau, der damals schon "Silberleithen" hieß, verliehen.
1524 Ältester Nachweis des Untertagebetriebs (Eduard - Stollen).
1645

Errichtung einer zentralen Schmelzhütte für Blei in Biberwier. Früher wurde das Erz in kleinen Öfen in der Nähe der Gewinnungsstellen ausgeschmolzen. Ein Silberbrennofen ist erst 1719 erwähnt.
1698 In diesem Jahr werden 2364 Zentner Blei erzeugt, an die Anteilseigner werden fast 17000 Gulden Gewinn ausbezahlt.
1775 Erster Nachweis von Zinkerz-Lieferung an das Messingwerk in Achenrain bei Kramsach
1840


Die Untertagestrecken sind 57 km lang. Es sind 145 Arbeiter beschäftigt. Die Produktion beträgt ca. 1700 Zentner Blei und 1200 Zentner Zink, die nach Brixlegg, München, Frankfurt, Böhmen und Schlesien verkauft wurden.
Das Berggericht kritisiert den Raubbau. Investitionen unterbleiben.
1879 Die Produktion ist so stark zurückgegangen, dass die veralteten Anlagen verkauft werden. Die neuen Besitzer modernisieren. Die Belegschaft erreicht wieder 120 Mann. Der Schmelzbetrieb wird eingestellt. Die Erze werden zur Bahn nach Murnau gefahren und an Hütten in Norddeutschland verkauft.
1898

Am Wampeten Schrofen wird der Friedrich-Hammacher-Stollen angeschlagen. Später wird eine Seilbahn zum Michaeli-Stollen am Schachtkopf gebaut. Von dort führte eine weitere Seilbahn zur Aufbereitung an der Loisach.
1907

Im Hammacher-Feld endet der Betrieb, da trotz großzügiger Auffahrungen und einiger Kernbohrungen keine bauwürdigen Lager gefunden wurden.
1921 Der Abbau am Schachtkopf wird wegen erschöpfter Vorräte, Arbeiter- und Absatzmangel eingestellt.

Geologie:
Die Blei- und Zinkerze (Bleiglanz, "Galmei" und Zinkblende) durchsetzen in Form von Schichten und Stöcken den Wettersteinkalk, ein massives, riffartiges Sedimentgestein aus der mittleren Trias. Der Wettersteinkalk ist etwa 210 Millionen Jahre alt und baut zusammen mit dem jüngeren, meist gebankten Hauptdolomit die meisten Massive der Kalkalpen in Bayern und Tirol auf. Während der Bildung der Alpen wurde die heutige Mieminger Kette über jüngere Schichten geschoben. Dabei wurde der Schachtkopf von seiner ursprünglichen Nachbarschaft abgetrennt. Daher verwundert es nicht, dass die Erzspuren im Hammacherfeld keine Verbindung zu den reichen, eng begrenzten Lagern des Schachtkopfes haben. Ob die Vererzungen zur gleichen Zeit wie die Sedimentablagerung oder erst später erfolgten, ist nicht geklärt (vgl. Schulz und Schroll in Archiv für Lagerstättenforschung der Geologischen Bundesanstalt, Band 19, 1997).

Anfahrt:
Von München über Garmisch, Grießen, Lermoos nach Biberwier (ca. 120 km, Zeit ca. 1,5 h).

Aufstieg:
Zunächst der Markierung "Biberwierer Scharte, Coburger Hütte" folgen, in 1250 m SH auf den markierten Weg "Schachtkopf" abzweigen. Knapp unterhalb des Gipfels den leicht abfallenden Weg Richtung Biberwierer Scharte nehmen. Nach etwa 500 m kommt man zu einem langen Geröllfeld, das unterhalb der Wände des Wampeten Schrofens zum Weg hinunterzieht. Auf diesem steigt man weglos (etwa 350 Höhenmeter) bis zu den leicht erkennbaren Ruinen der Bergbauanlage (1870 m). Weglos über Schotter und durch Latschen in westlicher Richtung absteigen (etwa 220 Höhenmeter), man trifft dann auf jeden Fall auf den Weg vom Schachtkopf Richtung Marienbergjoch. Die in der AV-Karte 4/1 (Wetterstein, Mieming, West) eingetragenen Pfadspuren zur Bergbauanlage habe ich nicht gefunden (habe mir aber auch keine Mühe gemacht).

Fundmöglichkeiten:
Derbe Belegstücke (Galmei, Zinkblende und Bleiglanz) auf den Halden. Die Untertage-Abbaue sind völlig unzugänglich.

Literatur und Hinweise:

  • Wolkersdorfer, Christian, Geschichte des Bergbaus im westlichen Mieminger Gebirge / Tirol, Aufschluß, 42, S. 359 - 379 (1991),
  • Kuntscher, Herbert, Höhlen, Bergwerke, Heilquellen in Tirol und Vorarlberg, Steiger Verlag, Berwang 1986,
  • Mutschlechner, Georg, Der Erzbergbau im Außerfern, Schlernschriften, 111, S. 29 - 52, (1955).

  • Mit dem Bergbau im westlichen Tirol beschäftigen sich Christian Wolkersdorfer und der Kulturverein und Arbeitsgemeinschaft historischer Bergbau Nassereith (Leiter ist Peter Simon, Mail.)

    Beachten Sie die von verfallenen Gebäuden ausgehenden Gefahren, betreten Sie keinesfalls evtl. zufällig angetroffene Stollen. Unternehmen Sie die Tour nur, wenn Sie es gewohnt sind, sich in weglosen, unübersichtlichen, alpinen Gelände zu bewegen.

    Wolfgang Zahnleiter


    Last update 01.11.2001

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