Logo  Münchener Mineralienfreunde e.V.
   Verein zur Förderung der Geowissenschaften, MM e.V.
   Schriftführung Ingrid Bode
   Ideeller Träger der Frühjahrsmesse und der Mineralientage München

Zurück
zum Archiv
"A Rakedn am Forggensee"
(Autor: Rainer Timm, Fotos DLR)

Tatort: Autobahn A8 Stuttgart - München - ca. auf Höhe des Aichelbergs
Tatzeit 06.04.2002 ca. 22.20 Uhr MESZ.

Die Mineralienfreunde der Brunner Hermann und der Schäfer Paule kommen gerade von einer Versteigerung in Saarbrücken und befinden sich auf der Rückfahrt nach München. Draussen eine finstere, mondlose Nacht. Am Firmament glitzern die Sterne.

Als die beiden gegen 22.20 Uhr den Aichelberg erreichen bemerkt der Brunner Hermann zuerst eine helle Erscheinung am Himmel.

"Da schaug hi, irgend a Idiot hat da an Raked'n gstart. Is den scho wieda Sylvesta?"

Die vermeintliche Rakete beschrieb der Brunner Hermann als kugelig, sehr hell, blau. Diese Kugel zog von links nach rechts also vermeintlich in nord-südlicher Richtung - knapp und ganz nah über ihr Autodach hinweg. Das ganze ging mit 2-3 Sekunden unheimlich schnell. Sie hörten noch einen Knall, die Kugel zerplatze und dann wars vorbei.
Irgendwo gleich nebendran, muss sie wohl heruntergekommen sein, "die Raked'n".

Der Schuster Heiner - Meteoritenjäger aus Andechs - hatte nichts von der Erscheinung gesehen, seine Nachbarin berichtete aber, dass sie die selbe Erscheinung über den Ammersee hinwegfliegen sah. Ebenfalls ganz nah.

Gleichzeitiges Feurwerwerk in Schwaben und Oberbayern? Nein, das Ereignis konnte über ganz Süddeutschland beobachtet werden. Sogar Sternengucker in Hannover konnten es tief am südlichen Horizont beobachten.

Das Ereignis war für die Gazetten Grund genug, eine Woche lang die Titelseiten zu füllen. Und als wenige Tage später in einem Garten in Zolling bei Freising ein einem Fleischpflanzl ähnelnder Asphaltbrocken gefunden wurde, war auch schnell der Experte (ein Professor) gefunden, der diesen unserem Ereignis zuordnete.

Tatsächlich beobachteten der Brunner Hermann und der Schäfer Paule sowie alle anderen Beobachter einen aussergewöhnlich hellen Meteor.
Genaueres ergibt sich aus einer Pressemeldung des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) vom 18.04.2002.

Hier ein Auszug:
Das Europäische Feuerkugelnetz
Das seltene Meteor-Ereignis ist ein ausgesprochener Glücksfall für die Wissenschaftler vom DLR-Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung in Berlin-Adlershof denn der Meteor zeigte sich in einem Gebiet, das nachts routinemäßig mit einem Netzwerk von Himmelskameras überwacht wird.

Das sogenannte "Europäische Feuerkugel-Netz" ist bereits seit Ende der 50er Jahre in Betrieb und besteht aus derzeit 25 Kameras, die in Mitteleuropa von Deutschland über Tschechien, die Slowakei, Belgien, die Schweiz und Österreich verteilt sind. Seit Mitte der 90er Jahre koordinieren und betreuen Wissenschaftler am Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung des DLR in Berlin-Adlershof und des bei Prag gelegenen Ondrejov Observatoriums die Arbeit des Netzwerkes.

Der Meteor vom 6. April 2002
Insgesamt wurde der Meteor vom vorletzten Wochenende von sieben der Kameras aufgezeichnet. Neben drei Stationen nördlich von Augsburg und Nürnberg konnten zwei Stationen im Schwarzwald, sowie jeweils eine Station in Tschechien und in Österreich das "Flugobjekt" aus unterschiedlichen Blickwinkeln fotografisch erfassen. Glücklicherweise waren die atmosphärischen Bedingungen optimal für die Aufzeichnung mit den Kameras: Der Himmel über Bayern war frei von Wolken.

Die Auswertungen zeigen, dass der Meteoroid unter einem Winkel von etwa 50 Grad um 22:20:18 MESZ knapp südlich der bayerisch-österreichischen Grenze bei Innsbruck in die Erdatmosphäre eintrat und sich nach Nordwesten in Richtung Mittenwald und Garmisch Partenkirchen bewegte. Die Eintrittsgeschwindigkeit betrug 20,9 Kilometer in der Sekunde (ca. 75000 Kilometer pro Stunde); die sichtbare Leuchtspur begann in einer Höhe von etwa 86 Kilometern.

Während die meisten Meteoroide in der Hochatmosphäre verglühen, konnte das Objekt ungewöhnlich tief in die Lufthülle eindringen, wie die Aufnahmen zeigen. Die Leuchtspur endete knapp 16 Kilometer über dem Boden. Es wird daher vermutet, dass eine - vielleicht sogar mehrere Kilogramm schwere - Restmasse aus Stein oder Eisen, sogenannte "Meteorite", den Boden erreicht haben. Die Aufschlagpunkte werden im Großraum nordwestlich von Garmisch Partenkirchen vermutet;

Die Feuerkugelnetz-Station Streitheim bei Augsburg
Dieses Bild stammt von der Feuerkugelnetz-Station Streitheim bei Augsburg. Sechs weitere Aufnahmen stammten aus Süddeutschland (4), von der tschechischen Station Primda, sowie der österreichischen Station Gahberg.

Unter Berücksichtigung weiterer Daten, wie z.B. Windgeschwindigkeit und Windrichtung. ergaben die weiteren Berechnungen von Pavel Spurny (Astronomisches Institut Ondrejew, Tschechische Republik, Spezialist für Bahnberechnungen) als vermutliche Einschlagstelle der Hauptmasse des Meteoriten ein Gebiet von etwa 700 mal 1.000 Meter östlich von Hohenschwangau in der Nähe von Füssen, in gebirgigem und schwer zugänglichem Gelände (Hoher Straußberg).

Nun begann in dem unwegigen Fundgebiet rund um den Hohen Straußberg eine vom DLR - Berlin organisierte Suche. Einige Personen versuchten aber auch auf eigene Faust durch beharrliche Suche zwischen Latschen und umgestürzten Bäumen, ihr Glück.
Am 14.07.2002 war es dann soweit, erstmals konnte in Deutschland ein Meteorit aufgrund von fotografischen Beobachtungen und Modellrechnungen geborgen werden. Für den Finder sicher ein unbeschreibliches Glückgefühl, nach tage-, ja wochenlanger Suche endlich das erste Stück des Meteoriten in den Händen zu halten.

Der Babymeteorit
Der Babymeteorit "Neuschwanstein" Bild: DLR, Berlin-Adlershof

Auszug aus dem Pressetext des DLR, Berlin-Adlershof

Das jüngste Baby der deutschen Meteoritenforscher ist 1.750 Gramm schwer, magnetisch, und die Oberfläche besteht aus einer mattschwarzen Schmelzkruste mit rostigen Flecken. Es wurde bereits auf den Namen "Neuschwanstein" getauft, da es nach systematischer Suche nur sechs Kilometer entfernt von dem bekannten süddeutschen Schloss in der Nähe von Füssen gefunden wurde. Der Babymeteorit "Neuschwanstein" ist Teil eines größeren, etwa 600 Kilogramm schweren Himmelskörpers, der am 6. April dieses Jahres gegen 22.20 Uhr MEZ über dem südlichen Bayern und Österreich als außergewöhnlich helle Erscheinung am Himmel gesichtet wurde.

"Neuschwanstein" wurde zunächst am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg auf kurzlebige Radioisotope untersucht. Dabei konnten erheblich Aktivitäten dieser Isotope (z.B. Beryllium-7) gefunden werden, was den Beweis erbrachte, dass der Meteorit tatsächlich ein Stück des Falls vom 06. April 2002 sein muss.

Nach dieser ersten Untersuchung wurden zunächst einige Abgußformen von "Neuschwanstein" erstellt, die zu weiteren Untersuchungen und für spätere Ausstellungen benötigt werden. Es folgte eine petrographische Untersuchung am Institut für Planetologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ein wesentliches Ergebnis dieser Untersuchungen ist, dass es sich um einen E6 Chondrit (Enstatit-Chondrit), also einem relativ seltenen Meteoriten handelt. Anfang September 2002 wurde am Max-Planck-Institut für Chemie - Abteilung Kosmochemie in Mainz dann ein kleiner Teil (30 Gramm) für die kosmochemischen Untersuchungen abgetrennt.


Foto: Dieter Heinlein

Der angeschnittene "Neuschwanstein" Meteorit soll nach Willen seiner Eigentümer (Finder und Bayerischer Staat) in den Besitz der Bayerischen Naturwissenschaftlichen Sammlungen übergehen und permanent im Rieskrater-Museum in Nördlingen ausgestellt werden.

"Neuschwanstein" wird vom 25.10.2002 bis 27.10.2002 auf den Mineralientagen 2002 in München erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Im Fundgebiet am Hohen Straußberg werden noch ein größeres und 5-6 kleinere Stücke des Meteoriten vom 6.4.2002 erwartet." Aufgrund der Steilheit und Höhenlage (1600-1800m) des Fundgebietes wird für dieses Jahr allerdings kaum mehr mit weiteren Funden gerechnet. Wenn Sie selbst eine Suche der Meteorite planen, empfehlen wir unbedingt Kontakt mit dem technischen Leiter des Feuerkugelnetzes, Herrn Dieter Heinlein aufzunehmen, um die neuesten Informationen der Berechnungen des Fallgebiets zu erhalten.

Last update 29.09.2002

Münchener Mineralienfreunde e.V., Münchener Straße 23, 85540 Haar