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"Wie ich die Mineralien sehe"

Interview mit Norbert Schiesser und Werner Gut


Norbert vor der Verinsvitrine Rainer: Es ist schon fast 21.00 Uhr, ihr habt lange auf mich warten müssen. Ihr seht, daß Leben eines MM-Online Reporters ist hart.

Norbert: Ja. ... lach ...

Rainer: Norbert, kurz zu deiner Person?

Norbert: Geboren 1959, bin ich in München und Bremerhaven aufgewachsen. Im Alter von sechs Jahren bin ich dann vollkommen erblindet. Mein Beruf ist Beamter in der Studienberatung der LMU-München. Bei den Münchener Mineralienfreunden bin ich seit 1989.

Rainer: Wie bist du ausgerechnet auf das Mineraliensammeln gekommen, ist das nicht für Blinde ein recht außergewöhnliches Hobby?

Norbert: Die Elvira (auch blind), war bereits dabei und berichtete mir von der Jugendgruppe des Vereins. Das hat mich damals sehr neugierig gemacht, ....

Werner: Gierig war er schon immer.

Norbert: Des is nix neues.

... allerdings überlegte ich mir ob die Gruppe zwei blinde Mitglieder verkraften kann. Der damalige Jugendgruppenleiter - des war der Pauli - sah das ganz locker und meinte nur wie weiland der "Kaiser": "Jetzt schaun mer mal, dann sehn mer scho." Im Nachhinein kann ich sagen, es hat nie Probleme gegeben.

Rainer: Meine Begeisterung liegt im Erlebnis des Findens, im Funkeln, Glitzern und Glänzen der Farben und Flächen. Wie ist das bei Dir?

Norbert: Die Begeisterung des Findens ist bei mir das Hauptmotiv. Da das Erfolgsergebnis naturgemäß bei mir viel seltener ist, als bei euch Sehenden, erlebe ich es viel intensiver. Das Funkeln der Farben und der Flächen bleibt mir mit den Augen verborgen, aber ich kann mit den Fingern die Strukturen und Flächen der Mineralien erkennen und deren Schönheit auf diese Weise bewundern. Es bereitet mir eine Riesenfreude, die Stücke mit den Fingern zu erforschen und zu bestimmen.

Werner: Auch wenn er da immer wieder gewisse Rückschläge hinnehmen muß (bezüglich des Bestimmens).

Norbert: Ja, aber das passiert einem Sehenden genauso.

Rainer: Ich hoffe nur, ich muß keine Rückschläge hinnehmen, wenn ich nachher zu Hause versuche meine Hieroglyphen zu erforschen und einzelne Zeichen daraus zu bestimmen.

Norbert, ich habe hier einen 3 mm großen Korund aus Bodenmais, er ist in einen ca. 3 cm großen Glimmerbrocken eingewachsen und hier habe ich einen 12 cm langen und ca. unterarmdicken Bergkristall aus dem Habachtal. Erzähl:

Norbert: Mit dem Korund kann ich gar nichts anfangen, da er keine klaren Flächen zeigt. Damit ist für mich völlig unklar, ob da irgend etwas ist. Ich würde dieses Stück wegwerfen! Dieser Quarz hingegen hat eine Größe, die es mir ermöglicht, die Flächen zu erkennen. Wenn ich so ein Stück finde, weiß ich, daß ich es einpacke. Die glatten Flächen sagen mir, hier ist er auskristallisiert. Die übrigen Flächen sind rauh. Ich glaube, daß der Kristall hier mit irgend etwas überzogen ist. Ich vermute Chlorit, oder?

Rainer: Ja, das stimmt. Es ist tatsächlich Chlorit. Wie groß muß ein Kristall etwa sein, damit du ihn erkennen kannst?

Norbert: Na so ca. ab einem Zentimeter geht's los. Es gibt aber auch welche, die dürfen kleiner sein. Pyrit zum Beispiel ist gut zu erkennen. Andererseits gibt es aber auch Mineralien, die ich aufgrund ihrer Struktur auch bei größeren Stücken nicht erkennen kann. Das sind z.B. nierig-traubige oder auch nadelige Mineralien. (Malachit, Prehnit, Azurit usw. )

Rainer: Werner, du bist seit 1978 in der Jugendgruppe und seit 1992 deren Leiter. Beschreib doch bitte einmal aus deiner Sicht: Wie sieht Norbert's Begeisterung aus?

Werner: Aus meiner Sicht liegt Norberts Begeisterung im Suchen und Finden der Mineralien. Nachdem er aber sehr selten wirklich etwas findet, gehört meines Erachtens das Gruppenerlebnis mindestens genauso dazu. Norbert drückt seine Freude nach außen nicht so aus wie ein Jugendlicher, was natürlich auch in seinem Alter begründet ist. Ansonsten sehe ich bei Ihm keine ausgeprägt anderen Reaktionen als bei jedem anderen Mineraliensammler, er arbeitet nach einem Erfolgserlebnis mit noch mehr Motivation weiter. Am meisten spüre ich seine Begeisterung, an den Abenden, an denen wir gemeinsam in den Erinnerungen des Tages schwelgen. Oft gehen dann die gefundenen Kristalle nochmal um den Tisch und wir können dann schon sehen wie Norbert die Funde fasziniert mit seinen Fingern "betrachtet".

Norbert: Du hast ganz am Anfang mal die Frage aufgeworfen, ob dies für Blinde nicht ein außergewöhnliches Hobby sei! Da gebe ich dir recht. Außer Elvira und mir kenne ich nur noch einen dritten blinden Mineraliensammler, der meines Wissens in der Ausübung seines Hobbys erblindet ist.

Werner: Nachdem ich den Norbert jetzt bereits seit 9 Jahren kenne - ich hab mir noch eine Zigarette geschnorrt, Norbert - denke ich heute nicht mehr über seine Behinderung nach. Sie ist für mich Normalität geworden.

Aufgezeichnet am 01.09.1998 im Blaustern, München

Rainer Timm


Anfragen und Hinweise senden Sie bitte an
Werner Gut
Jakob-Huber-Str. 54
D-82110 Germering
Tel: 089/89 48 555

Last update 01.09.1998

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